Kolumne



Mai 2019

Yoga – oberflächlich oder was?

Zappt man durch die bisherigen Kolumnenbeiträge, ist unschwer erkennbar, was mich am Yoga interessiert. Mir geht es nicht um Oberflächlichkeiten.
Mich selbst erstaunt immer wieder, welch ein Potenzial im Yoga steckt. Mich auf ein Thema im Yoga-Sutra tiefer einlassend, bleibe ich immer wie „gefüllt“ zurück. Bleibt die Frage von was…
In die Tiefe gehen, bei einer Sache bleiben und sie innerlich bewegen hat das Potenzial glücklich zu machen. Wichtig! Wähle Themen, die innerlich erheben.

In diesem Jahr bewegen die Kurse folgende Frage: „Wie kann ich zu einer Mitte in anna-maya-kosha finden?“

– also Mitte im eigenen Körper. Dies braucht zunächst „Zuwendung“ zum Körper.

– also Übungspraxis.
In der Februar Kolumne taucht hierzu der Begriff sthirasukha (4) auf. Ein wesentlicher Übungsaspekt im Yogasutra der herausstellt, wie wir mit den körperlichen Aspekten unserer Praxis umgehen sollten, nämlich: übe mit Gleichmut und Leichtigkeit an deiner Kraft. Wie mache ich das? Wohin führt mich das?

Aufschluss gibt das folgende Sutra:

 

Prayatnashaithilyãnanta samãpattibhyãm Sutra II. 47, Yogasutra des Patanjali

Die Yogatexte sind in der Gelehrtensprache des Sansrikt verfasst. Jeder dieser Begriffe kann, für sich genommen, mehrere Bedeutungen haben. Das vorgenannte Sutra sagt etwas aus über das eigene Handeln - auf der Yogamatte und weiterführend ins Leben.

Handeln oder Tun übersetzt sich ins Sanskrit in Karma. Karma ist zentraler Aspekt  des Yoga und wird in der Bhagavadgita in sechs Kapiteln berücksichtigt. Wie sollte ich handeln?
Ich möchte jetzt nicht speziell auf den Karmayoga der Gita eingehen. Dennoch wird eine Verbindung zum Sutra erkennbar und sollte nicht unerwähnt bleiben. Die Gita orientiert Handlung nicht an den Früchten, sondern an der inneren Haltung dem Handeln gegenüber - und dies ist das Verbindende dieser zwei Textzeugnisse.

Prayatna bedeutet Mühe. Shaithilya fordert auf, unsere Anstrengung zu modifizieren.
Dies ist ein erster Übungsaspekt: handeln und hierbei zu heftige, gewaltsame Anstrengung ausschließen.
Dies findet sich auch in der Gita (Karmayoga). Sich selbst im Handeln „zurückzunehmen“ bedeutet, der Handlung selbst die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht das, was wir uns durch sie erhoffen.
Oft gehen wir in eine zu heftige, gewaltsame Anstrengung, weil wir etwas Bestimmtes erreichen wollen. „So und nicht anders soll es werden“, kann als Ego- zentriertes Handeln eingeordnet werden. Hier wird das Ziel zum Ziel.

Nehmen wir uns selbst zurück, finden wir in eine Handlungsmodi, der der Handlung selbst Aufmerksamkeit schenkt. Wir sind somit mehr im gegenwärtigen Erleben (1) und es ergibt sich ein Aufmerksamkeitsraum für den Moment.
Yoga beginnt genau hier, nämlich mit Verzicht (2) leidenschaftlich zu handeln und dem Wissen, dass das Ergebnis nicht in der eigenen Hand liegt. Das fällt uns schwer. Es fällt schwer, den Weg zum Ziel zu erklären.

Prayatnashaithilya spricht diese Einladung an den Übenden aus. Handle! Bemüh Dich und erkenne Deine Überanstrengung. Reduziere sie. Suche in der Handlung nach Mühelosigkeit. Du wirst überrascht sein. Mach eine Erfahrung!

Oft gestalten sich unsere Handlungen aus unseren inneren Antreibern – das Sutra nennt sie klesha. Klesha (3) sind drückende Antreiber und dadurch wenig erhebend!
Wir wollen (raga), wir wollen nicht (dvesa), haben Angst (abhinivesa), nehmen uns zu wichtig in unseren Handlungen (asmita), sind mehr in Zukunft bzw. Vergangenheit und verwechseln so die Gegenwart (avidya), sind ohne Vertrauen ins Leben.

Könnten wir lernen, mehr und mehr im Moment zu sein, ganz in der Handlung – anstrengungsfrei – erschließen sich neue Räume. Die Ergebnisse, die sich in diesen Räumen zeigen, könnten unsere Erwartungen übertreffen.

Wie kann ich also nun ganz konkret üben? Patanjali schlägt einen 8 gliedrigen Übungsweg vor. Beziehen wir uns zunächst auf die dritte Stufe oder das 3. Glied - auf ãsana, also Haltung.
In unseren Haltungen geht es um sthirasukha (4) – um Gleichmut und Kraft von beidem gleichzeitig!
Ein Gefühl für diese Balance entwickelt sich durch Übung, also Handlung an Körper und Atem.

Prayatnashaithilyãnanta stellt einen ersten Übungsaspekt von sthirasukha dar, nämlich: lerne dich zu reduzieren unter gleichzeitiger Bemühung.

Mühe ist nicht: „Ich kann mich weit nach vorne beugen!“
Mühe ist: „ Ich bewahre die (innere) Haltung – mühelos, gewaltfrei“.

Konkret kann dies bedeuten, in ãsana die Brustwirbelsäule aufrecht zu halten.
In einer Haltung aufrecht sein und zu bleiben ist mühevoll. Diese Mühe behüten und dann achtsam sein für die Orte des Lösens im Körper, ohne die Aufrichtung der Wirbelsäule zu opfern.
Ein weiteres Reduzieren wäre, nicht zu wissen, was dies alles in uns bewirkt. Räume entstehen lassen – Freiräume.

Nicht wissen was sich zeigen soll, eher neugierig bleiben! Was zeigt sich? Auf diese Weise beschenken wir uns selbst und füllen uns mit nicht zu erwartenden Ergebnissen. Wie spannend! Auf diese Weise sind wir ganz in unseren Handlungen, nicht an den Ergebnissen und ganz nebenbei: wir erwecken wieder die Neugier in uns.

 

Ein weiteres Geschenk, das sich schrittweise entfalten wird, ist die Steigerung unserer Widerstandskraft oder auch Resilienz (5). Den Unwegsamkeiten des Lebens zentriert und stabil begegnen zu können, ist ein, wie ich finde, erstrebenswertes Ziel. Es braucht nur die Bereitschaft selbst etwas dafür tun zu wollen.

Die 8 Trittstufen des Yoga geben einen hilfreichen Erfahrungsschatz preis, falls wir mal vom Weg abgekommen sein sollten. Das spüren wir, wenn sich wieder einmal unsere „drückenden Antreiber“ melden. Durch Verstehen der weisen Empfehlungen aller 8 Stufen werden diese wie ausgedünnt und ihr Einfluss wird abgeschwächt.
Wie entspannend…

Ist dieser erste Übungsaspekt verwirklicht, also, Entspannung und Stabilität in Balance, kann die Aufmerksamkeit sich erweitern in die geistige und energetische Ebene. Dies ist der zweite Übungsaspekt: ãnantasamãpattibhyãm.

Der Körper verweilt anstrengungslos und drückt damit ein hohes Maß an Ästhetik aus. Der Atem fließt unendlich ruhig und der Geist fädelt sich ein in diese Strömung. Ein meditatives Verweilen in der Haltung wird möglich.

Ein Bild der Mythologie Indiens verdeutlicht diese Aspekte:
Ãnanta ist der Name der Schlange, die den gesamten Kosmos trägt und dabei weich genug bleibt, einem Gott als Schlafstatt zu dienen.

Er lässt sich tragen im Vertrauen auf etwas Unendliches (ãnanta)

… und dies kann man nun wirklich nicht oberflächlich nennen.


(1) Sutra I.1       atha
(2) Sutra II.1       kriya Yoga
(3) Sutra II.3       klesha
(4) Sutra II. 46    sthirasukha
(5) Sutra II. 48    Widerstandfähigkeit