Kolumne



Mai 2019

Yoga oberflächlich oder was?

Yoga heißt eine Verbindung eingehen. Wenn ich mich in der Yogalandschaft umschaue, steht die Verbindung zum Körper oft und auch oft als Einziges im Fokus des Unterrichts.
Es erstaunt mich immer wieder, dass das Potenzial des Yoga rein auf die Körperebene verflacht wird.

Dennoch stelle auch ich mich wieder diesem Thema – Körper.
Ich stelle mir die Frage: „Wie kann ich zu einer Mitte in anna-maya-kosha finden?“
                                                              – also der Mitte im eigenen Körper.
Durch „Zuwendung“ zum Körper           – also durch Übungspraxis.

Im Yogasutra taucht hierzu der Begriff sthirasukha (4) auf. Patañjali erwähnt drei Sutra, die sich auf ãsana beziehen, also auf die Haltung. Sthirasukha mutiert zu einem wesentlichen Übungsaspekt, der herausstellt, woran sich unsere Yoga-Praxis orientieren sollte – nämlich an der Mitte der Polaritäten.
Konkret könnte dies heißen: Mitte zwischen vorne und hinten, rechts und links, oben und unten oder aber die Mitte in einer inneren Haltung wie z.B. Gleichmut und Leichtigkeit gleichzeitig mit Kraft. Hier nähern wir uns günstig an. Gemeint ist die innere Haltung zur äußeren Haltung.

Sthira wird verstanden als eine aufmerksame, beständige Festigkeit bzw. Aufmerksamkeit.
Sukha lässt flexibel sein und meint, in der Haltung (ãsana) weich, biegsam, frei und unbefangen zu verbleiben, sodass sich Leichtigkeit einstellen kann. Ganz wach, fest, stabil sein und gleichzeitig leicht – ein Versuch die Polaritäten zu einen.
Aus dieser möglichen Mitte heraus, kann der eigene „glückliche Raum“ erlebt werden – pure Fülle! Diese Erfahrung ist „erhebend“. Sie hebt die Energie. Sie hebt den Geist.

Wie kann ich mich dieser erhabenen Qualität annähern? Aufschluss gibt das folgende Sutra:

 Prayatnashaithilyãnanta samãpattibhyãm      Sutra II. 47, Yoga des Patanjali

Prayatna bedeutet Mühe.
Shaithilya fordert auf, unsere Anstrengung zu modifizieren.
Dies ist ein erster Übungsaspekt: handeln und gleichzeitig zu heftige, gewaltsame Anstrengung ausschließen. Sich selbst im Handeln „zurückzunehmen“ bedeutet, der Handlung selbst die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht das, was wir uns durch sie erhoffen.
Oft gehen wir in eine zu heftige, gewaltsame Anstrengung, weil wir etwas Bestimmtes erreichen wollen. „So und nicht anders soll es werden“, kann als Ego- zentriertes Handeln eingeordnet werden. Hier wird das Ziel zum Ziel.

Nehmen wir uns selbst zurück, finden wir ins gegenwärtige Erleben (1) und es ergibt sich ein Aufmerksamkeitsraum für den Moment.
Yoga beginnt genau hier, nämlich mit Verzicht (2) leidenschaftlich zu handeln und dem Wissen, dass das Ergebnis nicht in der eigenen Hand liegt. Das fällt uns schwer. Es fällt uns schwer, den Weg zum Ziel zu erklären.

Prayatnashaithilya  spricht eine Einladung an den Übenden aus. Handle! Bemüh Dich und erkenne Deine Überanstrengung. Reduziere sie. Suche in deiner Handlung nach Mühelosigkeit. Du wirst überrascht sein. Mach eine Erfahrung!
Könnten wir lernen, mehr und mehr im Moment zu sein, ganz in der Handlung – anstrengungsfrei – würden wir uns neue Räume erschließen. Das was sich in diese Räume ausbreitet, könnte uns überraschen.
Ist dieser erste Übungsaspekt verwirklicht, also, Entspannung und Stabilität in Balance, kann die Aufmerksamkeit sich erweitern in die geistige und energetische  Ebene.
Dies ist der zweite Übungsaspekt: ãnantasamãpattibhyãm.

In der Mitte fest verankert, verweilt der Körper anstrengungslos und drückt ein hohes Maß an Ästhetik aus. Der Atem fließt unendlich (ãnanta) ruhig und der Geist fädelt sich ein in diese Strömung. Ein meditatives Verweilen in der Haltung wird möglich.
Indiens Mythologie hat hierzu ein Bild:

Ãnanta ist der Name der Schlange, die den gesamten Kosmos trägt und dabei weich genug bleibt, einem Gott als Schlafstatt zu dienen.
Er lässt sich tragen im Vertrauen auf etwas Unendliches (ãnanta)

Dies Vertrauen wird auch uns erfüllen – Schritt für Schritt – wenn wir an Balance ausgerichtet praktizieren. Der Körper ist hierfür ein wunderbarer Erfahrungszugang. Doch Körperpraxis ist nur ein Element der Yogapraxis. Man sollte hier nicht stehen bleiben.
Wofür dient die Körperpraxis? Sie dient der Entfaltung innerer Räume. Es geht um „glücklich gefüllte innere Räume“ – Wohlräume, die den Geist – wie ein Magnet – anziehen für eine tiefe innere Fülle. Es geht darum zu lernen, dieser eigenen, inneren Fülle oder auch Energie (Shakti) zu vertrauen und sich von ihr tragen zu lassen.

… und dies kann man nun wirklich nicht oberflächlich nennen.

(1) Sutra I. 1     atha
(2) Sutra II. 1    kriya Yoga
(3) Sutra II. 3    klesha
(4) Sutra II. 46  sthirasukha